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Spät, aber nicht zu spät: Samsung hat seine Flaggschiffe Galaxy S8 und S8 Plus vorgestellt. Wir durften die beiden Smartphones schon in die Hände nehmen und ausprobieren.

Die Aussage, dass die Welt auf das S8 gewartet hätte, ist sicherlich etwas übertrieben. Aber zumindest ein nicht unerheblicher Teil davon, nämlich das neugierige Smartphone-Volk, war darauf gespannt, wie das neue Flaggschiff von Samsung aussehen würde und was es kann. Nachdem die Koreaner das Akku- Problem des Note 7 nicht in den Griff bekommen konnten und es vom Markt nahmen, ist der jährliche Rhythmus durcheinander. Deswegen hat das große Unpacked-Event der neuen S-Klasse erst an diesem Mittwoch stattgefunden: Einen Monat später, weil Samsung sein neues Flaggschiff normalerweise zum Mobile World Congress präsentiert.

Design

Das Design wurde im Vergleich zum S7 Edge und Note 7 an den richtigen Stellen verfeinert. Durch die weitere Abrundung der seitlichen Kanten liegt es noch besser in der Hand, wirkt dünner und leichter als der Vorgänger, obwohl es das gar nicht ist. Diese funktionelle Veränderung unterstützt noch einmal den symmetrischen Aufbau des Gerätes. Von der Seite aus betrachtet ist gut zu erkennen, dass sich die abgerundeten Kanten von oben und unten mit dem gleichen Abstand zum Metallrahmen ziehen.

Der Glasrücken wirkt weiterhin sehr edel, Fingerabdrücke sind nicht so deutlich zu sehen wie auf manchen Geräten der Konkurrenz. Zudem rutscht es nicht so leicht aus der Hand wie etwas das iPhone 7 oder das P10 von Huawei. Die Farben „Midnight Black“, „Orchid Gray“ und „Arctic Silver“ sind geschmackvoll. Für einen Kopfhörerausgang mit Klinkenbuchse ist auch noch Platz.

Bildschirm

Vergleicht man die Maße des S8 mit denen des S7, so ist das neue Modell 6,5 Millimeter länger, 1,5 Millimeter schmaler und 1 Millimeter dünner geworden. Das S8 Plus sollte man mit dem vom Markt genommenen Note 7 vergleichen, weil beide beanspruchen, ein Phablet zu sein. Im Wesentlichen ist das Plus dann nur um 5,6 Millimeter länger geworden. Der Clou bei beiden neuen Modellen ist: Das S8 kommt mit einem mächtigen 5,8-Zoll-Display und das S8 Plus mit rekordverdächtigen 6,2 Zoll. Zum Vergleich: Das iPhone 7 Plus hat „nur“ ein 5,5 Zoll großes Display, wiegt 15 Gramm mehr als das S8 Plus, ist 4,5 Millimeter breiter und nur 1,3 Millimeter kürzer.

Für dieses Bildschirm-Gehäuse-Verhältnis haben die Koreaner einen Trick angewendet, den LG bereits auf dem MWC zeigte. Sie runden die Ecken des Bildschirms ab, ziehen ihn noch weiter nach oben und unten und verändern das Seitenverhältnis. Dadurch kommt der Bildschirm auf ein Format von 18,5:9. (Beim LG G6 sind es 18:9). Dieser Trick ist clever und könnte sich bei allen Herstellern durchsetzen. Noch nie lag ein Smartphone mit 5,8 Zoll so geschmeidig und schmal in der Hand.

Die Punktdichte ist nur unwesentlich gesunken, weil die Auflösung wegen des längeren Bildschirms bei 2960 x 1440 Pixel liegt. Das S8 kommt somit auf 570 ppi bei 5,8 Zoll und das Plus auf 529 ppi bei 6,2 Zoll. Überzeugend ist nach wie vor die Anmutung des Samsung-Bildschirms. Er ist hell, hat knackige Farben und eine kontrastreiche Darstellung.

Bedienung

Samsung hat auch Platz auf der Frontseite gewonnen, weil beim S8 der physische Homebutton fehlt. Nur ein virtueller schmaler Streifen am unteren Rand ist für die Android-Bedienelemente reserviert. Wie beim iPhone 7 drückt der Nutzer auf die für den Homebutton vorgesehene Glasfläche des Displays, um ihn auszulösen. Weil der physische Button den Fingerabdrucksensor enthielt, ist dieser jetzt auf den Rücken neben Kamera und Blitz gewandert. Hier muss sich im Alltag zeigen, wie gut man diese Taste trifft, wenn man “blind” auf den Rücken greift. LG und Huawei sind mittlerweile von dieser Platzierung abgekommen. Allzu häufig muss man dort nicht hingreifen, weil Samsung den Irisscanner vom Note 7 übernommen hat. Nutzer schauen kurz in die Frontkamera und entriegeln dadurch ihr Gerät.

Kamera

Die Frontkamera hat im Übrigen mehr Auflösung bekommen. Für Selfies stehen nun 8 Megapixel zur Verfügung. Die Software scannt und erkennt Gesichter, um sie dann entsprechend anders zu belichten. Huawei hat eine ähnliche Technik beim P10 vorgestellt. Ansonsten hat sich die Kamera kaum verändert. Wie beim S7 Edge und Note 7 hat die Hauptkamera 12 Megapixel und eine Blende von bis zu 1,7. Das könnte man als Stillstand oder somit Schwäche des S8 interpretieren, gerade weil die meisten Hersteller in der Kamera eine der wichtigsten Eigenschaften sehen.

Da in verschiedenen Tests die Bilder des S7 Edge und Note 7 im Vergleich zu anderen Smartphones – auch des iPhone 7 – am besten gefielen, wird die Kamera des S8 weiterhin auf sehr hohem Niveau sein. In der Bestenliste der DxO-Tests spielt das S7 Edge in einer Liga mit dem HTC 10 und Sony Xperia X Performance. Lediglich das Pixel von Google wird von den DxO-Testern besser bewertet.

Prozessor

Vorab wurde bereits spekuliert, dass der neue Prozessor Snapdragon 835 von Qualcomm das erste Mal im Galaxy S8 verbaut sein wird. Das ist auch nach dem heutigen Termin noch nicht bestätigt. Lediglich die „asiatische Variante“ steht fest. Wie bei den Vorgängermodellen bestückt Samsung Geräte, die in asiatischen Ländern verkauft werden, mit dem hauseigenen Prozessor. Im S8 wird dieses Mal die Version 8895 des Exynos-Prozessors verbaut sein, ein Octacore mit 2,3 GHz und 1,7 GHz Taktung. Das bedeutet für den S8-Besitzer: Sie haben im Vergleich zu anderen Androidgeräten einen sehr leistungsstarken Prozessor. Eigentlich wird das niemand im täglichen Gebrauch bemerken, weil die Vorgängerversionen schon sehr leistungsstark waren. Insofern ist das Bekenntnis zu immer schnelleren Prozessoren wenig aussagekräftig. Samsung hat jedoch eine neue Funktion vorgestellt, die davon profitieren könnte.

Dockingstation

Für das S8 gibt es eine kleine Dockingstation namens Dex, in die man das Gerät stecken kann. Sie wird mit einen HDMI-Kabel an einen Monitor angeschlossen, über USB finden Maus und Tastatur Zugang. Aus der Arbeitsumgebung wird somit ein Computer mit Android als Betriebssystem. Auf dem Bildschirm lassen sich wie bei Windows in einer Leiste wichtige Apps anordnen, andere frei auf dem Bildschirm platzieren. Werden sie angeklickt, öffnen sie sich wie ein normales Fenster. Weil der Prozessor des S8 hinreichend stark ist, schafft das Smartphone echtes Multitasking, es kann also mit mehreren Fenstern gleichzeitig gearbeitet werden. Da es die Office-Anwendungen von Microsoft auch als Android-App gibt, kann bei Bedarf aus dem S8 ein Arbeitsrechner werden.

Die Idee ist nicht neu. Dank Microsofts Continuum kann man aus den Lumia-Geräten ebenfalls einen Rechner machen. Dafür war noch nicht einmal zusätzliche Hardware wie eine Dockingstation notwendig. Es genügte, das Gerät an einen Monitor über USB-Typ-C anzuschließen.

Spracherkennung

Neben der Dockingstation Dex feiert „Bixby“ Premiere. So heißt Samsungs Spracherkennungssoftware. Sie soll über die Funktionalität von Apples Siri und Microsofts Cortana hinausgehen. Eher ist sie mit dem Google Assistent vergleichbar, der auf den Pixel-Geräten installiert ist, bald jedoch auch auf anderen Android-Smartphones eingerichtet werden kann. Bixby ist aber auch ein bisschen Alexa, hat also Elemente von Amazons Spracherkennungssoftware, die auf dem Lautsprecher Echo läuft. Und letztlich erinnert Bixby auch an „Firefly“, einer Funktion des Fire Phone, das Amazon mittlerweile beerdigt hat.

Samsung will auf jeden Fall, dass Kunden mehr mit ihrem Smartphone reden. Dafür ist Bixby da. Zunächst kann die Spracherkennung das, was andere ebenfalls können. Natürlich entfällt bei Bedarf das Tippen, wenn jemand angerufen wird. Und das Aufrufen einer App gehört auch hier zum Standardrepertoire. Ein Foto mit Hilfe von Spracheingabe zum Hintergrundbild zu machen, funktioniert ebenso. Etwas pfiffiger ist das Scannen von Sehenswürdigkeiten oder Weinetiketten, um von Bixby zu erfahren, was das ist oder wo man die Flasche bestellen kann. Mit einem Wisch nach rechts über den Hauptscreen oder einem Tipp auf das Bixby-Icon lädt eine Übersicht mit aktuellen Infos zu Wetter, Verkehr oder Aktienkursen.

Bixby spricht momentan nur Koreanisch. Englisch wird nach dem Marktstart gelernt sein und Deutsch soll irgendwann ebenfalls dazukommen. Die Spracherkennungssoftware soll intelligent sein, also nach den KI-Standards dazulernen. Exakte Befehle und Aufforderungen müssen laut Samsung vom Nutzer nicht auswendig gelernt werden. Bixby versteht den Nutzer, wenn er natürlich spricht. Ob das alles wirklich funktioniert, wird der Langzeittest zeigen.

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